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Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zu Fronleichnam, 4. Juni 2026.
Erzdiözese Wien/Schönlaub / Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zu Fronleichnam, 4. Juni 2026.
05.06.2026

Predigt zu Fronleichnam

Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zu Fronleichnam, 4. Juni 2026.

„Magnifica humanitas“ – die großartige Menschheit – so hat Papst Leo seine erste Enzyklika betitelt. Sie ist weit mehr als eine Enzyklika, also ein päpstliches Rundschreiben, über künstliche Intelligenz. Es geht dem Papst darin um alles Faszinierende und Beängstigende, um das Geniale und auch das Gefährliche unserer Zeit, und dabei immer um die Frage: Was ist gut für den Menschen?

 

Papst Leo jammert nicht über Digitalisierung und er verteufelt nicht Künstliche Intelligenz. Im Gegenteil: Er weist darauf hin, dass Fortschritte und technische Errungenschaften in den vergangenen Jahrhunderten großartige Verbesserungen der Lebensbedingungen der Menschen gebracht haben. Zugleich sagt er aber auch: Jede Phase des Fortschritts hat etwas mit der Ambivalenz von Werkzeugen zu tun. Ich kann ein Werkzeug als Hilfsmittel oder als Waffe verwenden, ich kann mit einem Werkzeug Schaden anrichten oder helfen und Gutes tun. Und um das Gute geht es dem Papst.

 

Er stellt im Blick auf KI und die faszinierenden digitalen Möglichkeiten unserer Zeit die Frage: Wozu ist es gut – wem dient es? Sein Leitmotiv ist der Mensch, nicht die Technik.

Und damit bin ich beim Evangelium, das wir eben gehört haben. Jesus stellt seinen Aposteln, die darüber streiten, wer der Größte, der Wichtigste, der Erste ist, ein Kind als Vorbild vor Augen. Ein Kind – das heißt, einen kleinen Menschen, der uns Erwachsene von unten anschaut, schutzbedürftig. Ein Mensch, der noch wachsen, lernen und reifen muss. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder“: Das ist keine Aufforderung, kindisch zu sein oder infantil zu bleiben, sondern das Kind im eigenen Herzen lebendig und wach zu halten, und ein Leben lang zu wachsen und zu reifen. Das ist humanitas magnifica – das ist menschlich und großartig.

Sollte ich hundert Jahre oder älter werden – was ich mir nicht wünsche -, ich würde bis zum letzten Atemzug nicht perfekt oder vollkommen sein.

 

Was ist der Mensch? Diese existenzielle Frage hat Immanuel Kant schon gestellt. Der Katechismus der Kirche beantwortet diese Frage kurz und bündig: Der Mensch ist nicht Gott! Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Wir sind weder perfekt, noch allwissend. Und wir müssen es auch nicht sein. Wir dürfen human, menschlich bleiben.

 

Auch wenn Menschen sich manchmal wie Götter benehmen, als Heilbringer oder als Messias präsentieren, wahr ist und bleibt: Der Mensch ist nicht Gott.

 

Nicht den perfekten und stärksten Mann, nicht die klügste und beliebteste Frau hat Jesus den Aposteln als Vorbild vor Augen gestellt, sondern ein Kind. Ein Kind, das aus Fehlern lernt, lacht und weint, staunt und vertraut, heranwächst und sich weiterentwickelt. Im Kind zeigt uns Jesus: So sieht Gott uns Menschen.

 

Für eine gute Zukunft brauchen wir mehr als Unmengen von Datenvolumen, mehr als künstliche und auch menschliche Intelligenz. Wir brauchen Weisheit.

 

Für eine gute Zukunft brauchen wir nicht Technologien, die Desinformation, Manipulation und damit auch Konflikte begünstigen, sondern Orientierung an der Wahrheit.

Wir brauchen nicht Waffen, die noch autonomer und effizienter zerstören und töten können, sondern Technologien, die unsere Welt friedlicher und gerechter machen.

 

Wir brauchen keine Größenwahnsinnigen, die sich wie Götter gebärden, sondern Menschen, die das Du, Wir und Unser über das Ich, Mich und Meins stellen. Wissen und Bildung allein reichen da nicht aus, es braucht auch Gewissen und Herzensbildung.

 

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich gelangen.“ Wer sich also schrecklich erwachsen, klug und perfekt vorkommt, soll umkehren, denn er ist auf dem Holzweg. Wenn ein Mensch meint, er hätte es nicht mehr nötig, Fehler zuzugeben und neu zu beginnen, dann irrt er. Umkehr ist angesagt und Orientierung am Kind – auch als Gegenbewegung zur Perfektion, zur Effzienzsteigerung, zur Logik und zur Technisierung, die durch Künstliche Intelligenz in unsere Welt kommen.

 

Technik und digitaler Fortschritt sollen uns helfen, die Welt wie ein Kind von unten aus zu betrachten. Papst Leo schreibt, der wahre Fortschritt besteht darin, die Geschichte aus dem Blickwinkel der Kleinen zu sehen, nicht aus der Perspektive der Großen, Einflussreichen und Mächtigen. Nein: Es geht um die Sicht der Kleinen, der Leidenden und Schwachen, der Einsamen und Fremden, des verletzten Kindes, des Flüchtlings und des Vertriebenen.

 

Dieser Perspektivenwechsel hat mit Umkehr und Orientierung am Kind und mit Menschlichkeit zu tun, und das passt auch zur Fronleichnamsprozession. Denn es geht nicht darum, wie viele wir sind, oder um unsere prächtigen barocken Gewänder und auch nicht um eine goldene Monstranz. Sondern es geht um ein kleines Stück Brot. Darum dreht sich heute hier alles. Dieser Blick, die Perspektive auf das Brot, auf Christus, ist entscheidend. So klein, so unscheinbar will er unter uns gegenwärtig sein.

 

Oft ist das Kleine das Wichtige und Entscheidende, das Wesentliche und Notwendende. Wichtiger als digitale Technik bleibt menschliche Nähe. Wesentlicher als globale Vernetzung bleibt der persönliche Kontakt.

 

Bitten wir im Blick auf Christus, auf das Brot in der Monstranz, dass wir human bleiben und immer menschlicher werden. Denn das will die Eucharistie: uns verwandeln und uns zu Menschen nach dem Bild unseres Herrn Jesus Christus machen. Er war barmherzig und gütig mit den Menschen, besonders mit den Kleinen und Schwachen. Er war gewaltlos und hat Frieden gestiftet. Er war heilsam und Not wendend - wie ein Stück Brot, das geteilt wird und den Hunger des Leibes und der Seele stillen kann.